Phänomenologie der hörbaren Erfahrungen

Das Hören ist eine der existenziellen Erfahrungen, in der Welt zu sein und mit der Welt verbunden zu sein. Jeder kann hören, sagt man – oder sollte nicht auch die Hörfähigkeit, wie andere Kompetenzen, geübt und verbessert werden? Welche Signifikanz hat das Hören und das Hörenüben auf so unterschiedlichen Gebieten wie Pädagogik und Philosophie, Musik und Physik?
Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt für sowohl ein Konzert als auch ein Seminar zum Thema Phänomenologie der hörbaren Erfahrungen, komponiert und initiiert von Prof. Dr. Edvin Østergaard, Norwegian University of Life Sciences. Zielsetzung ist, die erkenntnisleitende Rolle von akustischen, hörbaren und musikalischen Erfahrungen interdisziplinär zu erforschen.
Das Konzert Ørenslyd („sich Gehör verschaffen“) besteht aus Werken für Gesang und Kontrabass und wird am Donnerstag dem 24. Oktober um 21.00 Uhr im Tieranatomischen Theater uraufgeführt. Zwei weitere Aufführungen finden am 25. und 26. Oktober 2019, jeweils um 19.00 Uhr statt.
Das Seminar The Phenomenology of Audible Experience findet am Freitag dem 25. Oktober, ebenfalls im Tieranatomischen Theater, um 16.15-17.45 Uhr statt. Hier soll das Phänomen der Hörbarkeit praktisch-phänomenologisch untersucht und diskutiert werden. Am Seminar nehmen neben den Musikern u.a. auch Prof. Dr. Olaf Müller, Institut für Philosophie, Humboldt Universität und Prof. Dr. Tone Sævi, Institut für Erziehungswissenschaft, NLA University College, Norwegen, teil.
Für weitere Informationen und Info zum Vorbestellen von Konzerttickets, siehe https://www.field-notes.berlin/de/programm/10-2019 und http://farbenstreit.de/augenwerk-oerenslyd/

Edvin Østergaard

It’s More Fun To Compute?

Karl Bartos von der Band Kraftwerk hat den Essay It’s More Fun To Compute? Karl Bartos zur Dialektik von Digitalisierung und Kreativität am Beispiel der Band „Kraftwerk“ kürzlich auf seiner Seite gepostet!

Der im Band Pädagogik im Verborgenen erschienene Essay ist auch auf Researchgate zu finden.

Abstract:
Die Düsseldorfer Band Kraftwerk gilt als Pionier der populären elektronischen Musik. Sie hat das erste voll digitalisierte Album produziert und hatte insbesondere in den 70er und 80er Jahren eine Reihe von Hits, die für die Popkultur und besonders für die elektronische Musik, für Rap, Techno und Elektropop stil- und genreprägend waren. Karl Bartos gehörte bis zu seinem Ausscheiden 1990 zum klassischen Line-Up der Band. Er beschreibt in seiner 2017 erschienenen Autobiographie seine Erfahrungen bei Kraftwerk als Musiker und elektronischer Schlagzeuger (vgl. Bartos 2017). Dieses Werk wirft nicht nur sehr interessante Perspektiven auf die Geschichte von Kraftwerk, einer Band, die sich bewusst jeglichem Showrummel und Rockgebaren entzieht und mit ihrem Roboter-Image einen transhumanen Stil pflegt. Bartos eröffnet in seinem Werk darüber hinaus eine Perspektive auf gemeinschaftliches, kreatives und lustvolles Improvisieren, Komponieren und Lernen unter Bedingungen zunehmend digitalisierter Abläufe und Prozesse. Meine Lektüre konzentriert sich im Folgenden auf die Schnittstellen von kulturell-kreativem Schaffen und Digitalisierung. Ich behaupte, dass sowohl Kreative und Künstler bzw. Künstlerinnen als auch Pädagogen bzw. Pädagoginnen von Karl Bartos’ Lebenserfahrung lernen können. Bartos’ These lautet: Die Band Kraftwerk ist ca. ab 1981 – zu dem Zeitpunkt, an dem die serielle Technik des Samplings und ein voll digitalisiertes Studio den Produktionsprozess beherrschen – nicht mehr kreativ: Digitalisierung als Sequenzialisierung der Abläufe und die damit einhergehende Kybernetisierung von Prozessen wirken sich negativ auf die auf Improvisation und Montage basierende Kreativität der Band aus. Sie kann deshalb nicht mehr an die alten innovativen Phasen und Erfolge anknüpfen und wird zunehmend zur rückwärtsgewandten Verwalterin ihres eigenen Erbes, das sie nunmehr in immer neuen Kompilationen und Remixes vermarktet und damit sich selbst musealisiert. Digitalisierung und Kreativität stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander, das mit Karl Bartos aus dem Verborgenen gehoben und für pädagogische Reflexionen und Programme fruchtbar gemacht werden kann.

Malte Brinkmann

Gerade erschienen: Leib – Leiblichkeit – Embodiment. Pädagogische Perspektiven auf eine Phänomenologie des Leibes

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

ich freue mich, Ihnen mitzuteilen, dass der Tagungsband Leib – Leiblichkeit – Embodiment. Pädagogische Perspektiven auf eine Phänomenologie des Leibes via Springer VS erschienen ist.

Im Anschluss an das gleichlautende Symposion sollen Beiträge der deutschen und internationalen phänomenologischen Erziehungswissenschaft einen aktuellen Einblick in die Thematik eröffnen. In diesem Band werden ausgehend von systematischen Studien zum Verhältnis von Leib, Lernen, Bildung und Erziehung neue Impulse aus der empirischen Bildungsforschung, den Neurowissenschaften und der Postphänomenologie aufgegriffen: Phänomenologische und pädagogische Perspektiven auf Leiblichkeit und Embodiment werden mit diskurs- und praxistheoretischen, neurophänomenologischen sowie Perspektiven der Gender Studies verknüpft und auf die pädagogischen Praxisfelder Digitalisierung, Schule und Kindergarten bezogen.

Schwerpunkte des Bandes bilden systematische und historische Zugänge zum Phänomen Leiblichkeit, Beiträge zum Verhältnis von Phänomenologie zu diskurs- und praxistheoretischen Positionen, Neurophänomenologie, Aisthetische und anthropologische Zugänge sowie leibliche Erfahrungen und Praxen.

Malte Brinkmann

Ästhetische Erfahrung und ästhetische Bildung

Ästhetische Erfahrung und ästhetische Bildung sind seit jeher zentrale Aspekte der Phänomenologie und der phänomenologischen Erziehungswissenschaft. Der Diskurs zur ästhetischen Bildung und Erziehung hat sich in den letzten Jahrzehnten stark ausdifferenziert und ausgeweitet. Ästhetische Erfahrung und ästhetische Bildung gilt als fester Bestandteil kulturellen Lernens. Gleichwohl wird oft von einer Spannung zwischen Ästhetik und Pädagogik ausgegangen (man denke nur an Mollenhauers Diktum, das Ästhetische passe nicht in die pädagogische „Kiste“). Zudem wird die Praxis der Künstler und Künstlerinnen als „frei“ von pädagogischen und didaktischen Implikationen und Intentionen deklariert.

Im Rahmen eines Forschungskolloquiums an der Abteilung Allgemeine Erziehungswissenschaft der Humboldt-Universität wurden zentrale Bereiche und Themen der ästhetischen Bildung und Erziehung im Spannungsgefüge zwischen Aisthetik, Ästhetik und Pädagogik diskutiert. Ausgehend von Einsichten der Ästhesiologie (Plessner) wurden klassische Begründungsfiguren (Schiller) thematisiert und in einer pädagogischen Perspektive nach Grundmomenten ästhetischer Erfahrung und ästhetischer Praxis sowie nach spezifisch-ästhetischen Materialien und Arrangements in der Pädagogik gefragt.

Im Rahmen dieses Kolloquiums wurden eine Reihe von Vorträgen gehalten, die nun online einsehbar sind.

Prof. Dr. Jörg Zirfas spricht zu: „Wahrnehmung und Erfahrung. Möglichkeiten und Grenzen ästhetischen Bildung?“

Prof. Dr. Cornelie Dietrich spricht zum Thema: „Als Teil genommen sein. Ästhetische Bildung und Inklusion“

Dr. Iris Laner (Tübingen/Wien) spricht zu: „Ästhetische Subjekte und ästhetische Gemeinschaften“

Prof. Dr. Gabriele Weiß spricht zu: „Ästhetische Erfahrung zwischen Aisthesis und Grenzerfahrung und die (Un-) Möglichkeiten zur Erfassung von ihr inhärenten Bildungs- und/oder Lernprozessen“

Malte Brinkmann

5. internationales Symposion zur Phänomenologischen Erziehungswissenschaft

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

ich möchte Sie hiermit auf das 5. internationale Symposion zur Phänomenologischen Erziehungswissenschaft

„Gefühl – Emotion – Stimmung. Phänomenologische und pädagogische Perspektiven“

aufmerksam machen, das vom 1. bis 3. April 2019 an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfinden wird.

ich freue mich, Ihnen nun das Programm vorstellen zu können. Ich möchte darauf hinweisen, dass die Konferenzsprache Englisch ist. Ab sofort ist es ebenso möglich, sich für die Tagung anzumelden (zum Formular).

Ich freue mich auf ein anregendes Symposion.

Mit freundlichen Grüßen

Malte Brinkmann

Phänomenologische Pädagogik in China

Aus Peking (China) lässt sich Erstaunliches über die internationale Verbreitung der Phänomenologischen Pädagogik berichten. Ich war eingeladen, auf der 4. International Phenomenology and Pedagogy Conference “Circumstance of Phenomenology and Pedagogy: Self-consciousness and Reflection” an der Capital Normal University (CNU) eine Keynote zu halten. Es gibt dort seit mehr als 20 Jahren nicht nur eine ausgeprägte phänomenologische Denktradition, sondern auch ein Internationales Forschungszentrum für Phänomenologische Pädagogik und Lehrerbildung.

Das Zentrum wurde 2001 von Professor Hong Ning in enger Zusammenarbeit mit Max van Manen gegründet. Neben Hong Ning sind aktuell noch Professor Cai Chun und Professorin Zhu Xiaohong Direktoren des Zentrums. In Peking gibt es eine sehr interessierte Dozenten- und Studierendenschaft. Es wurden bereits eine ganze Reihe von Master- und Doktorarbeiten mit phänomenologischer Orientierung angefertigt. Diese beschäftigen sich mit grundlagentheoretischen und methodologischen Fragen der Erziehung. Zudem ist das Curriculum der Lehrerbildung in allen Fächern phänomenologisch orientiert. Auch darin gibt es beeindruckende schriftliche Zeugnisse (Textbooks) phänomenologischer Beschreibungen der eigenen Lehrerfahrung mit Blick auf die Schülerinnen und Schüler. Einige chinesische Kolleginnen und Kollegen werden am 5. internationalen Symposion zur Phänomenologischen Erziehungswissenschaft in Berlin teilnehmen. Ich freue mich auf den Austausch!

Malte Brinkmann

Käte Meyer-Drawe im Gespräch

Käte Meyer-Drawe, emeritierte Professorin für Allgemeine Pädagogik an der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bo­chum und bekannte Vertreterin phänomenologischer Pädagogik, trifft sich mit Selin Gerlek (Universität Hagen) im botanischen Garten der Ruhr-Universität in Bochum, um über Werdegang (Erster Teil), Schaffen und Werk (Zweiter Teil) zu sprechen.

Käte Meyer-Drawe kann neben Wilfried Lippitz als die vielleicht wirkmächtigste Vertreterin aktueller phänomenologischer Erziehungswissenschaft im deutschsprachigen Raum gelten. Sie hat auf der Grundlage einer an Merleau-Ponty orientierten Phänomenologie der Zwischenleiblichkeit Intersubjektivität im Lernen und Erziehen neu dimensioniert. Im Anschluss an Husserl, Merleau-Ponty, Buck und Waldenfels, und unter Rückgriff auf Platon und Aristoteles, gelingt es Meyer-Drawe, eine Theorie des Lernens als Erfahrung bzw. des Lernens als Umlernen zu entwickeln. Negativität im Erfahrungsprozess des Lernens wird im Horizont von Wahrnehmung und Leiblichkeit neu bestimmt. In kritischer Aufnahme poststrukturalistischer Theorien von Foucault und Lacan wird das neuzeitliche Identitätsdenken sowie das aufklärerische Erziehungsziel der Autonomie als notwendige Illusion charakterisiert. Erziehung wird nun mit Foucault auch als Machtphänomen und Machtpraxis bestimmbar. In genealogischen Analysen werden psychologische und neurowissenschaftliche Konzepte in ihren Allmachtsansprüchen kritisiert, ihr Reduktionismus und ihre Diskurs- und Defi nitionsmacht aufgedeckt und von einer pädagogisch-phänomenologischen Theorie des Lernens abgegrenzt.


Beste Grüße

Malte Brinkmann

Phänomenologie und Erziehung

Siehe dazu den kürzlich veröffentlichten Artikel im International Handbook of Philosophy of Education des Springer Verlags (hrsg. P. Smeyers)

https://www.researchgate.net/publication/325695381_Phenomenology_and_Education

Dieser Artikel bietet einen historischen und thematischen Überblick über die wichtigsten Beiträge zur Phänomenologie in der deutschen und englischsprachigen Erziehungswissenschaft. Die Phänomenologie ist in diesem Zusammenhang sowohl von ihrer theoretischen Tradition her als auch als Forschungsmethode relevant. Sie fokussiert als Theorie und Methode empirische, relationale und intersubjektive Dimensionen des Lehrens und Lernens. Phänomenologie als Methode und Philosophie versucht, traditionelle Theorien der Erziehung und Bildung mithilfe empirischer und theoretischer Begriffe neu zu bestimmen. Im englischsprachigen Raum wird die Phänomenologie vor allem als methodologischer Ansatz zur Beleuchtung der gelebten Erfahrung (lived experience) genutzt, besonders innerhalb der sozialen Berufe; gelegentlich hat sie auch Möglichkeiten der Theoriebildung über Lehren und Lernen eröffnet, hierbei stets in engem Bezug zur konkreten Praxis.

Malte Brinkmann

Von den Dingen lernen

Phänomenologische und gestaltpsychologische Ansätze widmen sich schon lange dem Thema der Materialität im Lernen und Lehren mit und von Kindern. Ch. Bühler bemerkt in ihrer phänomenologisch-psychoanalytischen Studie zur kindlichen Entwicklung: „Der ‚Aufforderungscharakter’ generiert das Objekt erst, weil das Kind Richtung setzt, seit es Richtung setzt“ (Bühler 1967). Der Fußball, der über die Straße rollt, die Treppe, die zum Hinaufsteigen auffordert, das Krümelchen, das zum Auflesen reizt, der Bauklötz, der zum Spielen einlädt. Der Aufforderungscharakter der Dinge und die Intentionen der Handelnden sind in einer „Komplizenschaft“ (Meyer-Drawe) aufeinander bezogen. Claus Stieve zeigt in einer älteren, sehr lesenswerten Studie, dass die Dinge über den Aufforderungscharakter hinaus einen Charakter der „Gefordertheit“ in sich tragen:
„Wie das Anziehen des Pantoffels oder das schon heute nicht mehr gewohnte Aufziehen der Uhr verlangen viele Dinge von uns eine notwendige, angemessene Haltung, sei es ein Korkenzieher, das Handy, das Auto, die Waschmaschine, das Hemd mit seinen Knöpfen oder die Flasche für den Säugling“ (ebd., S. 176).
Die Gefordertheit durch die Dinge zeigt, dass ihre Bedeutung sich nur im Zusammenhang der Situation für uns erschließt. Als Teil dieses gestalthaften Zusammenhangs weisen sie zugleich über sich hinaus.

Siehe hier ein Interview mit dem Autor und den Hinweis auf seine Studie:
https://www.deutschlandfunk.de/jeder-gegenstand-lehrt-uns-etwas.700.de.html?dram:article_id=84340

Malte Brinkmann

5. internationales Symposion zur Phänomenologischen Erziehungswissenschaft: „Gefühl – Emotion – Stimmung. Phänomenologische und pädagogische Perspektiven“

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

ich möchte Sie hiermit auf das 5. internationale Symposion zur Phänomenologischen Erziehungswissenschaft

„Gefühl – Emotion – Stimmung. Phänomenologische und pädagogische Perspektiven“

aufmerksam machen, das vom 1. bis 3. April 2019 an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfinden wird.

Entsprechende Informationen finden Sie im Call for Papers.

Mit freundlichen Grüßen

Malte Brinkmann

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