Beginn der Phänomenologischen Erziehungswissenschaft

Aloys Fischer (1880-1937): „Deskriptive Pädagogik“ (1914)

„Die Grundfrage aller Deskription lautet, was ein [in der Erfahrung; MB] Gegebenes sei. Alle Pädagogik und alle Richtungen der Pädagogik reden von Erziehung […]; jede Richtung glaubt, die so bezeichneten Tatsachen genau zu kennen, und schickt sich dann sehr schnell an, zu sagen: Was und wie die Erziehung sein soll. […] Nicht der Sinn der Worte, das heißt die Verdeutlichung der sprachlichen Meinung, sondern die Beschreibung des gemeinten Etwas ist die aller Forschung zugrundeliegende, sogar die Fragestellung erst ermöglichende Aufgabe der Wissenschaft.“ (Fischer 1914/1961, S. 144, Hervorhebung im Original)

Fischer ist ein Vertreter der phänomenologisch orientierten Münchner Schule um Theodor Lipps. Er gilt als Allgemeiner Pädagoge und Pionier der Bildungsforschung. Die Münchener Phänomenologen um Theodor Lipps kamen ab 1902 in Kontakt mit dem damals in Göttingen lehrenden Husserl. Husserls „Logische Untersuchungen“ wurden kritisch für psychologische und pädagogische Fragestellungen rezipiert. Die phänomenologische Deskription wird von Fischer erstmalig als ein Verfahren der intersubjektiven Prüfung von Erfahrungen und Erlebnissen eingesetzt.

Damit erhält die Deskription eine methodologische und gegenstandskonstitutive Funktion für die Pädagogik. Sie kann, so Fischer, „Gegebenes und Letztes“ (Fischer 1914/161, S. 143) aufweisen. Nach dem Durchgang durch die phänomenologische Reduktion (ebd., S. 147) kann Deskription eine „theoriefreie“ (ebd., S. 142), voraussetzungslose und damit vorurteilsfreie Beschreibung garantieren. Fischer zeigt in seinen psychologischen, sozial- und schulpädagogischen Arbeiten die Fruchtbarkeit dieser Methode.

Fischers Real-Ontologie, der Formalismus seiner Methodologie sowie die damit verbundene Reduktion der phänomenologischen Methode auf Deskription wurde später oft kritisiert, weil er Pädagogik auf eine Tatsachenwissenschaft reduziert und die normativ-wertenden Aspekte auch seiner eigenen Untersuchungen nicht erkannt hat. Nichtsdestoweniger spielt Fischer eine bis heute wichtige Rolle für die wissenschaftliche und empirische Pädagogik. Die Frage nach der Deskription und nach dem Gegenstand der Pädagogik gehört nach wie vor zu den wichtigen Fragen der Pädagogik.

Originaltext:
Fischer, Aloys (1914/1961). Deskriptive Pädagogik. In T. Rutt (Ed.), Aloys Fischer. Ausgewählte pädagogische Schriften. Paderborn: Schöningh, S. 137-154.

Weiterführende Literatur:
Lippitz, Wilfried (2010): Aloys Fischer (1880-1937). ‚Deskriptive Pädagogik‘ oder ‚Prinzipienwissenschaft von der Erziehung‘. Zu den Anfängen phänomenologischer Forschungen in der Erziehungswissenschaft. In: Brinkmann, M. (Hrsg.): Erziehung. Phänomenologische Perspektiven. Würzburg: Königshausen und Neumann, S. 23–38.

Brinkmann, Malte (2016): Phenomenological research in education. A systematic overview of German phenomenological pedagogy from the beginnings up to today. In: Dallari, M. (Hrsg.): Encyclopaideia. Journal of phenomenology and education, vol. 20, no 45, S. 96-114 (Online access: https://encp.unibo.it/).

Brinkmann, Malte (2017): Phänomenologische Erziehungswissenschaft. Ein systematischer Überblick von ihren Anfängen bis heute. In: Brinkmann, Malte/Rödel, Sales Severin/Buck, Marc Fabian (Hrsg.): Pädagogik – Phänomenologie. Phänomenologie – Pädagogik. Verhältnisbestimmungen und Herausforderungen. Wiesbaden: Springer VS, S. 17-46. (Online access: http://www.springer.com/de/book/9783658157425#otherversion=9783658157432)

Bild: https://www.tlu.ee/opmat/ka/opiobjekt/KAV6001/pedagoogikateadlased_kutsepedagoogikas/aloys_fisher.html

4. Internationales Symposion Phänomenologische Erziehungswissenschaft – HU Berlin

Das Programm für das diesjährige Symposion unter dem Thema Leib – Leiblichkeit – Embodiment: Pädagogische Perspektiven auf eine Phänomenologie des Leibes, ausgerichtet von Malte Brinkmann an der Humboldt Universität zu Berlin, ist veröffentlicht. Sie finden das Tagungsprogramm direkt hier.

Die Tagung findet vom 18.-20. September 2017 statt, auf der Website der Abteilung Allgemeine Erziehungswissenschaft der HU finden Sie Informationen zur Anmeldung und das Anmeldeformular.

Veröffentlichungshinweis: Tagungsband zum 3. Symposion „Phänomenologische Erziehungswissenschaft“ erschienen

Der Tagungsband „Pädagogik – Phänomenologie. Verhältnisbestimmungen und Herausforderungen“ ist neu erschienen und dokumentiert das 3.Symposion, das im September 2015 zu dem Thema „Pädagogik Phänomenologie – Phänomenologie Pädagogik“ stattgefunden hat. Er wurde von Malte Brinkmann, Marc Fabian Buck und Sales Severin Rödel herausgegeben und bildet den dritten Band der Reihe „Phänomenologische Erziehungswissenschaft“. Dieser Band fragt nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Phänomenologie und Pädagogik in historischer, systematischer, praktischer und methodologischer Hinsicht. Er bietet eine systematische Zusammenstellung und Auswertung traditioneller und aktueller Ansätze im deutschsprachigen und internationalen Diskurs der phänomenologischen Erziehungswissenschaft. Das Verhältnis von Pädagogik und Phänomenologie wird in phänomenologischen Beschreibungen und Analysen pädagogischer Phänomene, in historischen und systematischen Untersuchungen, in Studien zum schulischen Lernen und Erziehen sowie zur phänomenologischen Forschungspraxis diskutiert und veranschaulicht.

Der Inhalt
I) Systematische und historische Studien zum Verhältnis von Pädagogik und
Phänomenologie
II) Pädagogische Phänomene
III) Pädagogik und Phänomenologie in der Schule
IV) Phänomenologie als Praxis pädagogischer Forschung

Der Tagunsgband ist bei Springer VS unter diesem Link verfügbar.
Weitere Bände der Reihe finden Sie hier.

Workshop „Phänomenologische Videographie“ an der HU Berlin zur pädagogischen Achtsamkeit (mindfulness)

Auf einem Workshop zur „Phänomenologischen Videographie“ am 9. März 2017 (Institut für Erziehungswissenschaften, Allgemeine Erziehungswissenschaft) wurde die Praxis und Theorie pädagogischer Achtsamkeit untersucht. Unterschiedliche Theorien der Achtsamkeit (Mindfulness, Awareness, Ethik der Achtsamkeit) wurden für pädagogische Zusammenhänge fruchtbar gemacht. Ausgehend von der in Berlin entwickelten Theorie der Interattentionalität wurden Aspekte der videographischen und phänomenologischen Methodologie vorgestellt und diskutiert (Pädagogisch-phänomenologische Videographie, Leiblichkeit und Lernen)

Etymologisch hängt Achtsamkeit mit dem deutschen Wort achten bzw. Achtung (Schätzen, Abschätzen; Beachtung, Aufmerksamkeit) zusammen. Es gibt drei Bedeutungsebenen: a. erachten (dafür halten); b. beachten (bewahren, in acht nehmen); c. acht geben (Acht-gabe). Gegenteilig ist von verachten, in Acht schlagen die Rede. Achtsam sein bedeutet zunächst sorgfältig, mit achtsamen Sinnen beachten, aufmerksam, nicht: achtbar, angesehen. (http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GA01898#XGA01898)

Achtsamkeit ist ein abstrakter Begriff und kein Phänomen. Zum Phänomen wird sie erst, wenn man sie in konkrete Praxis übersetzen kann. Achtsamkeit zerfällt in unterschiedliche Praktiken: Hinsehen, Hinschauen, Zuhören, Zuwenden, Ermutigen und – im Horizont von Negativität – Hemmen und Einschränken. Sie ist eine ambivalente, leibliche Praxis des Geöffnet-Seins und des Offen-Seins im Modus der Gelassenheit und in pädagogischer Sicht eine normativ orientierte Praxis, die sich auf den / die Anderen richtet. Diese Praxen lassen sich als Verkörperungen im Antwort-Geschehen qualitativ gehaltvoll beschreiben und videographisch erfassen – so die These.

In einer anschließenden Datensitzung wurden Videosequenzen aus unserem Forschungsprojekt gemeinsam analysiert und Überlegungen zur Praxis und Theorie pädagogischer Achtsamkeit angestellt.


Malte Brinkmann (Fotos: Martin Pohl und Johannes Türstig)

Contemplative Phenomenology Workshop: The Experience of the Present Moment

Vielen Dank an Denis Francesconi für den folgenden Veranstaltungshinweis:

The Mind and Life Institute supports the Contemplative Phenomenology Workshop.

Participants will have the chance to probe, with the help of a team of specialists from Europe and beyond, into various aspects of first-person inquiry, especially those that are relevant for contemplative disciplines: Philosophical phenomenology and lived experience, Cross-interactions between contemplative approaches and empirical first-person approaches, and Buddhist phenomenology.

The workshop is presented by Michel Bitbol, Natalie Depraz and Claire Petitmengin and it will take place in Nemours, France, on 12-16 June 2017.

Tagung zu Embodiment and Mindfulness

Wir möchten auf eine interessante Tagung im Feld zwischen Phänomenologie und Neurowissenschaft aufmerksam machen: Phenomenology and Mindfulness: Interdisciplinary Coalition of North American Phenomenologists Ninth Annual Meeting, Ramapo College of New Jersey, May 25–28, 2017.

Eva Simms – Interview zum Verhältnis Psychologie und Phänomenologie

Eva Simms ist eine international renommierte Vertreterin einer gestalt-psychologisch-orientierten Phänomenologie von Kindern und Umwelt. Sie ist eine der international führenden Vertreterinnen der phänomenologisch-psychologischen Kindheitsforschung. Sie verbindet Leib- und Lebenswelt-Analysen mit Analysen des sozialen Raums. n diesem Intervieuw erläutert sie die Hintergründe ihres Schaffens – lesenswert.

Hier finden Sie ein interessantes Interview mit ihr aus dem Journal Phänomenologie von 2012. Ein Ausschnitt:

Ich sehe die Phänomenologie nach Husserl als den Versuch, die Freiräume des menschlichen Seins, die nicht von den naturwissenschaftlichen Methoden besetzt sind, zu kultivieren und zur Sprache kommen zu lassen. Manche dieser Freiräume, die nicht naturwissenschaftlich erforscht werden können, bilden die Grundlage, auf der allein Wissenschaft möglich ist, wie zum Beispiel die Untersuchung der Wahrnehmungsstrukturen bei Merleau-Ponty oder der kulturellen Diskurspraktiken bei Foucault. Andere Freiräume werden da gefunden, wo die Naturwissenschaft schweigt, wie in der Kunst, der Musik, der Dichtung und der Geschichte. Wieder andere zeigen sich in der Wissenschaftspraxis selber, denn oft hantieren Psychologen und Psychologinnen mit Konzepten, die unbefragt aus der Tradition übernommen und angewandt werden, zum Beispiel der Glaube an »internal representations«, und dann in den Theorien und im Experimentaldesign herumgeistern und Unfug treiben. Ich habe auch einen Freiraum in der Interpretation der Wissenschaftsdaten entdeckt: Man kann viele experimentelle Befunde anders erklären, wenn man sie in den ganzheitlichen Zusammenhang der Existenz der Kinder eingliedert.

Workshop zur Phänomenologischen Videographie in China

Sales Rödel und Malte Brinkmann präsentieren auf einem Workshop im Rahmen des 3rd Sino-Germany Dialogue on Didactic an der East China Normal University (Pädagogische Universität Ostchina) in Shanghai den Ansatz der Pädagogisch-Phänomenologischen Videographie. Im Kontext einer langjährigen Kooperation zwischen der ECNU und der Humboldt-Universität wird bald das erste Zentrum für videographische Unterrichtsforschung eröffnet werden. Wir freuen uns auf weiteren interkulturellen Austausch mit den chinesischen Kolleg/-innen.


Prof. Dr. Malte Brinkmann, Dr. des Sales Rödel

Der „Elefant“ in „Phänomenologie“

Hier finden sie einen aufschlussreichen Artikel darüber, warum im chinesischen Begriff für Phänomenologie (现象学) das Zeichen für Elefant (象) enthalten ist (Artikel in englischer Sprache).

Einladung zum Workshop „Phänomenologische Videographie“

Die Abteilung Allgemeine Erziehungswissenschaft der HU Berlin lädt zu einem Workshop am 09.03.2017 ein. Interessierte auch von außerhalb der Humboldt-Universität können ebenfalls gerne teilnehmen (bitte bei Interesse an der Teilnahme eine kurze Email an: malte.brinkmann@hu-berlin.de).

Ich möchte Sie herzlich zu einem Workshop „Phänomenologische Videographie“ einladen. Wir wollen auf der Grundlage unseres phänomenologischen Ansatzes in einer Datensitzung Videomaterial analysieren. Das Thema diesmal ist „Achtsamkeit (Mindfulness, Awareness) als Interattentionales Geschehen im Horizont von Leib, Macht und Lernen“ interpretieren und analysieren. Ausgehend von der von uns entwickelten Theorie der Interattentionalität (s.u.) werden wir in einem ersten Schritt kurz wichtige Aspekte unserer Methodologie vorstellen und Fragen und Probleme diskutieren (Bitte lesen Sie vorbereitend die Texte unten). Vor allem wollen wir in einer anschließenden Datensitzung Videosequenzen gemeinsam analysieren und Überlegungen zu einer Theorie pädagogischer Achtsamkeit anstellen.
Zu diesem Denk-Kollektiv (Fleck) sind Sie herzlich eingeladen, Ihren anderen Blick einzubringen

Donnerstag, den 9.3., 14.00-17.00 Uhr, GS 7, Raum 235.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen! Bitte kurze Nachricht senden, damit wir planen können!

Herzliche Grüße
Malte Brinkmann

Methodologische Grundlagen:
1. Zur Videographie
Pädagogisch-phänomenologische Videographie. Zeigen, Aufmerken, Interattentionalität
2. Zur Phänomenologischen Methodologie
Phänomenologische Methodologie und Empirie in der Pädagogik. Ein systematischer Entwurf für die Rekonstruktion pädagogischer Erfahrungen
3. Zur Pädagogischen Empirie
Pädagogische Empirie. Phänomenologische und methodologische Bemerkungen zum Verhältnis von Theorie, Empirie und Praxis

Operationale Grundlagen
1. Zur Interattentionalität
Aufmerken und Zeigen. Theoretische und empirische Untersuchungen zur pädagogischen Interattentionalität

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